Die Gerberzeile. Stadt-Mitose in Bosa

Sardinien, Juni 2017.

Bosa, die zauberhafte Stadt am Fluss. Ein Hügel mit einer Burg, eine radial darum herum angelegte, kleinmaßstäblich-verwinkelte Altstadt mit wunderbaren Fassaden, Plätzchen, Straßen.

Beidseits des Flussufers aber teilt sich die Welt. Wie die Hälften der gespaltenen Doppelhelix eines DNA Stranges sitzen sich Bürgerhäuser und Gerberhäuser gegenüber. Man staunt, es scheint, als wäre man Zeuge einer Stadt-Mitose, einer urbanen Zellteilung.

Die damals übelriechende Arbeit des Gerbens musste von der Stadt getrennt werden. Aber auch wenn der gegenüberliegende Ufergrund freie Entfaltungsmöglichkeit geboten hätte: man wählte für das Gewerbe die Mittel der alten Stadt. Haus an Haus, Seit an Seit. Parzellen, Fassaden in strenger Baulinie und Dachform. In angeglichener Färbung, Unterschiede scheinbar nur aus der Sonnenbleiche resultierend und damit nur auf die kontinuierliche Fassadenpflege verweisend. Frei war das Setzen der Öffnungen, der Geschosshöhen.

Mit so wenig Mitteln entsteht die Voraussetzung für Stadt und Stadtteil.

Heute wird die Gerberzeile, die sich im jahrzehntelangen Leerstand wie durch ein Wunder erhalten hat, stetig durchsetzt von neuen Funktionen. Restaurants, ein kleiner Mini-Market, ein Hotel bereiten den Boden für die Umwandlung in Wohnraum und den Einzug von kleinem Gewerbe. Nach langem Warten entsteht gerade ein neues urban microfield im zwischenzeitlich ungenutzten Bestand. Ein Ort im menschlichen Maßstab und mit einem Male wieder: zeitlos.