Danke, lieber Manuel Pretzl,

…dass Sie mit Ihrer Kritik an den Münchner Architekturverhältnissen eine Diskussion über Baukultur und Architektur anstoßen. Die Präsidentin der Architektenkammer, Frau Christine Degenhardt, hat sich sogleich berufen gefühlt, den gesamten Berufsstand zu verteidigen, der, so lese ich jedenfalls Ihre Interviews in den Medien, gar nicht Ziel Ihres Angriffs war. Sie haben eine „Clique aus zwei Handvoll Architekten“ als Schuldige ausgemacht, Kollegen, die sich, so scheint es, entweder als Jurymitglieder Aufträge zuschachern sollen oder sich freuen dürfen, Aufträge zu erhalten.

Ich habe eine derartige Recherche nicht durchgeführt, kann also das Gegenteil nicht beweisen. Was ich aber kann, ist aus eigener Erfahrung sprechen.

Unser Büro Stenger2 aus drei Partnern und zwölf Mitarbeitern gibt es seit 2002. In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden wir noch nie zu einem öffentlichen Wettbewerb in München geladen, nie war einer der Partner in die Jury eines öffentlichen Wettbewerbs berufen worden. Bis hierhin mag dies recht traurig klingen. In Wirklichkeit gebe ich gerne zu, dass in meinem Büro weder die Ressourcen noch die Fertigkeiten und die benötigte Infrastruktur vorliegen, um an Wettbewerben mit Gewinnchance teilzunehmen. Büros, die Wettbewerbe gewinnen, etwa die wunderbaren Kollegen von AllesWirdGut oder kadawittfeldarchitektur haben äußerst professionell geführte Wettbewerbsabteilungen, die wie bei kadawittfeldarchitektur aus mehr als einem Dutzend Entwerfern, Studenten, Modellbauern und Visualisierern bestehen. Nur so sind heute reihenweise Teilnahmen möglich, nur so ist damit eine Chance auf Preisgeld und Gewinn gegeben.

Diese Struktur aufzubauen, verschlingt Unmengen an Geld. Sie ist in den ersten Jahren mühsam und verlustbringend. Man ist permanent gefordert, dem Zeitgeist auf der Spur zu sein. Frische Kräfte müssen stetig wirken können. Die Bildersprache muss man anpassen, gefordert ist die Zusammenarbeit mit den besten Visualisierern, um die griffigsten Bilder zu schaffen. Ich habe große Hochachtung davor.

Anders kann man Wettbewerbe auch nicht gewinnen: Die von der beteiligten Öffentlichkeit geforderten schönen Bilder müssen geliefert werden. Dazu durchdachte Grundrisse, wirtschaftliche und nachhaltige Konzepte und Kubaturen.

Was das mit unserem Büro zu tun hat? Nun, um ehrlich zu sein, uns ist das ganze Konzept eines Wettbewerbs in der alltäglichen Praxis vollkommen fremd. Die Anforderung, innerhalb einer festgelegten Frist von wenigen Wochen, ohne Kenntnis der Beteiligten, meist auch des Ortes, ein Multimillionen-Projekt zu Papier zu bringen, ist, unserer Auffassung nach, bereits im Ansatz falsch. Schwierige Projekte, die zu Objekten werden, sollten dauern.

Die Erstphase der Zusammenarbeit mit dem Bauherrn, den Kollegen, Fachplanern, Behörden und möglichen Nutzern verschlingt bereits viel Zeit. „Drei Schritten vor“ folgen in der Erstphase regelmäßig „zwei Schritte zurück“. Der eigene Entwurf, später auch die Werkplanung, wird bürointern, gleichzeitig durch den Bauherrn, auch durch die Anforderungen von Fachplanern und Behörden, angepasst und verändert. Vieles entsteht empirisch. Erst recht wirken noch auf der Baustelle Einflüsse, bis am Ende aus einem Knäuel an Verwicklungen das Gebäude dasteht und gleich darauf durch die Einflüsse von Witterung und Verschleiß vor dem Vergehen bewahrt werden muss.

Ich habe bis heute nicht verstanden, welchen Sinn die Momentaufnahme des Wettbewerbs in dieser regelrechten „Prototypenfertigung“ - wie sie jedem Gebäude eigen ist - macht. Bis die Politik, zu der Sie gehören, lieber Herr Pretzl, sich gegen Architektur-Wettbewerbe ausspricht, ist es nach meiner Auffassung aber keinem der Gewinner vorzuwerfen, davor unglaubliche Ressourcen in eine Chance auf Sieg zu investieren. Und gleichzeitig aus vier anderen Wettbewerben als Verlierer hervorzugehen.

Setzen Sie lieber dort an, wo die Zusammenstellung der Wettbewerbsteilnehmer entschieden werden. Auf Wettbewerbsbetreuung spezialisierte Büros laden Juroren ein, die, ähnlich den Wettbewerbsteilnehmern selbst, Bedingungen erfüllen müssen, die zwangsläufig diejenigen bevorteilen muss, die mehrere ähnliche Bauaufgaben bereits bewältigt oder beurteilt haben. Ist es wirklich nötig, vier Schulen gebaut zu haben, um am Wettbewerb einer fünften mitwirken zu dürfen?

Aus meiner alltäglichen Praxis der Umsetzung völlig unvergleichbarer, im Ergebnis heterogener Nutzungen, Maßstäbe und Konstruktionen für private Bauherrn sowie aus der in München hohen Anforderung des Umgangs mit Altbau und Gebäudebestand, komme ich zu einer völlig gegenteiligen Meinung. Ich glaube fest daran, dass ein guter Teil von der von Ihnen geforderten „Innovation in der Architektur“ allein daraus entstehen würde, dass erfahrene Architekten zugelassen würden, unabhängig von der speziellen Nutzung aus einer Wettbewerbsauslobung. Wieso sollte ein Architekt, der guten Wohnbau macht, nicht in der Lage sein, eine gute Schule zu entwerfen? Auch und gerade, wenn es seine erste ist.

Sie, lieber Manuel Pretzl, wollen die Bauverwaltung anhalten, neue Wege zu gehen. Hier werden Sie bei uns Architekten auf viel Beifall stoßen. Vielleicht sogar bei der Bauverwaltung, vorausgesetzt, Sie -und damit meine ich die Politik- geben der Bauverwaltung in Stadtplanung und Lokalbaukommission den klar formulierten Auftrag und die rechtlichen Möglichkeiten, dies zu tun. Der von ihnen zitierte Münchner, der sagt, „Wow, hier wohne ich!“, sagt gleichzeitig, „Wow, dieser Neubau, egal wie er aussieht, nimmt mir meinen Blick auf das Oktoberfest-Riesenrad, der muss doch niedriger sein!“. Und er greift zum Telefon und ruft den Sachbearbeiter der Lokalbaukommission an. Die Sachbearbeiter sind nicht das Problem, nicht die Leitung der LBK, nicht die Begutachter in der Stadtplanung und nicht die Stadtgestaltungskommission.

Die Anforderungen lauten heute: Anwohner und „Bezugsfall“. Der Anwohner ist längst nicht mehr der an der Grundstücksgrenze liegende Nachbar. Es zählt heute ebenso der gegenüber der Straße wohnende Anwohner, dessen Grundstück nicht im baurechtlichen, wohl aber im emotionalen Einflussbereich des neuen Baukörpers liegt. Heute ist das ganze Viertel Anwohner. Und zurecht! Jede öffentliche Diskussion nützt der Sache. Aber, lieber Manuel Pretzl, ich rufe Sie und Ihre Stadtratskollegen auf, als politische Vertreter genau dieser Anwohner, sich mit ihnen anzulegen! Reden Sie mit den Menschen. Überzeugen Sie sie von ihren guten Ideen. Ich persönlich plane Ihnen jedes Wohnhochhaus an jede Stelle der Stadt, wenn Sie mich nur lassen.

Und nehmen Sie und Ihre Fraktion, zusammen mit dem gesamten Stadtrat, der Lokalbaukommission endlich die Urangst des eintretenden „Bezugsfalls“. Mit diesem Argument wird jede Form „anderer“, nichtangepasster, sich nur scheinbar nicht einfügender Architektur glattgebügelt, ausgemerzt. Die Beteiligten werden abgestraft. Der sogenannte Bezugsfall tritt dann ein, wenn das Schreckensbild des „raffgierigen“ Investors Bezug nimmt auf ein in der Nachbarschaft entdecktes bauliches Sonderrecht, regelmäßig als wirtschaftlicher Mehrwert interpretiert, das die Bauverwaltungen davor einem Nachbarn gewährt haben. Dann, so die Angst, nimmt der Gierschlund „Bezug“ und fordert gleiches Recht für sich. Eine daraus resultierende Kettenreaktion ist genau die apokalyptische Vorstellung der Bauverwaltung. Mit äußerster Anstrengung stemmen sich einzelne Sachbearbeiter dann gegen die Angstvision von Downtown-Manhattan in Schwabing, Sendling und Neuhausen.

Diese German-Bezugsfall-Angst ist vielleicht DAS Münchner Problem. Bitte, lieber Manuel Pretzl, hören Sie nicht auf, über Architektur zu sprechen. Treffen Sie innovative, mutige und möglicherweise einsame Entscheidungen. Kämpfen Sie für bessere Wohnverhältnisse, preiswerten Wohnraum und Hochhäuser. Überzeugen Sie Anwohner und vor allem: Treiben Sie den Entscheidern in der Bauverwaltung die Angst vor dem Bezugsfall aus.

Seien Sie versichert: Wir Architekten unterstützen Sie. Demokratisch legitimiert oder nicht, wir sind wohl das geringste Problem, das die Baukultur in dieser Stadt hat.

 

Markus Stenger, Architekt  

Heiner Effern: "Architekturbüros haben zu viel Macht", Süddeutsche Zeitung vom 9. Februar 2018

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/stadtgestaltung-hoeher-schoener-gruener-1.386113

 

 

Thomas Anlauf und Dominik Hutter: "Architekten reagieren empört auf Kritik von CSU-Fraktionschef", Süddeutsche Zeitung vom 13. Februar 2018

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/stadtgestaltung-architekten-reagieren-empoert-auf-kritik-von-csu-fraktionschef-1.3864489