Macht Grün an?

 "(...) so dienen Farbempfindungen der Differenzierung, Gliederung und Bewertung der Objekte. Damit ist die Frage nach dem Realitätscharakter der Farbempfindungen eigentlich beantwortet. Sie sind höchstens graduell und nicht prinzipiell von unseren anderen Realitätskonstruktionen verschieden. (...)".1

Das Gebäude aus den 60er Jahren wurde zum boarding-house brera umgebaut, das Wohnen auf Zeit anbietet. Teilmöblierte Apartments von 22 bis 90 m2 können mit diversen Services und Ausstattungen gebucht werden. Alle Räume sind mit Parkett und grünen Vorhängen ausgestattet. Bereits nach kurzer Zeit war das gesamte boarding-house belegt.

Wir fragen uns, warum das Farbkonzept "Grün" für dieses Bauvorhaben in Nürnberg so ausgezeichnet funktioniert hat? Ist das so wiederholbar, ist Grün die Farbe?

Kontext, Repräsentation, Symbolik

Bei brera war nach unserer Meinung auch der urbane Farbkontext ausschlaggebend. Um Assoziationen mit dem nicht arg weit entfernten Rotlichtviertel gar nicht erst aufkommen zu lassen, wurde ein "rotes", Farbkonzept (auch: orange, gelb) gleich zu Beginn ausgeschlossen. Man folgte der Komplementärfarbe.

Was ist eigentlich Farbe? Bei genauerem Hinsehen, wird die Angelegenheit immer uneindeutiger. Künstliche oder -künstlerisch aufgebrachte- natürliche Farbe dient seit jeher dazu, Objekten oder Gebäude neben ihrer eigentlichen, alltäglichen Funktion eine weitere Bedeutungsebene zu verleihen. Es aus der Masse optisch hervorzuheben. Die Farbe repräsentiert damit eine andere Wirklichkeit, ist Träger eines ideellen, geistigen oder religiösen Verweises.

Die Farbensymbolik wird streng lexikalisch als "im Kult oder im volkstümlichen Brauchtum verbreitete Zuschreibung vitaler oder moralischer Qualitäten"2 verstanden. Diese Eigenschaften werden dann bewußt im sozialen Kontext eingesetzt, um Personen, Orte oder Gegenstände nonverbal zu markieren. Das allzu Farbige scheint eher niedrigere, sinnliche Bedürfnisse des Menschen zu bedienen. Das Monochrome, die materialeigene Farbe steht dagegen für das geistig Anspruchsvollere. Aber stimmt denn das?

Welche Bedeutungen den Farben in ihrer jeweiligen Kultur und Zeit zugeschrieben werden, sind mitunter widersprüchlich. So wird Grün gleichzeitig mit Hoffnung und Gift, Heimat und Dynamik verbunden.

Es ist müßig, sich über die objektive, die "wahre" Bedeutung einer Farbe zu streiten, denn diese gibt es natürlich nicht. Es muß vielmehr bei der Auswahl die zeitgemäße Deutung einer Farbe bei der jeweiligen Zielgruppe antizipiert werden. Dazu können Elemente aus der Mode, des Grafik- und Produktdesigns herangezogen werden.

Zuschreibungen

Hier eine kleine Auflistung der Zuschreibungen zur Farbe Grün (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit)

Griechische Antike: Hoffnung, Anfang, "In allen Pflanzen ist der Anfang der Farbe grün, und die Knospe, die Blätter und die Früchte sind im Anfang dieser Farbe. "4

China:Himmelsrichtung Osten, Symbol für langes Leben 

Islam: heilige Farbe des Islam, Lieblingsfarbe des Propheten Mohammed

Im Straßenverker: das Normale, Unproblematische, Positive, Ordnungsgemäße, richtige Richtung, Rettungswege, Grüne Ampel

Gift: giftgrün, unreif, Schimmel, Gefahr, Übelkeit, Verwesung; Krankheit, Gier, Neid

Wassiliy Kandinsky: "Grün ist wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkäuen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet."3 

Le Corbusier: grün reflektiert die Vegetation

Abendländische Kultur: mehrdeutig, den Gegensatz in sich tragend, da Mischung aus Blau und Gelb: Tod und Leben, Hoffnung und Verrat, paradisische Fülle und Torheit, Hl. Dreifaltigkeit, Hl. Geist, Johannes Ev im MA, fahles Grün ist der Teufel, Auferstehung

Marketingkonzept brera: Dynamik, Frische, Aufforderungscharakter, kleiner Hang zum Giftigen, nicht langweilig, , Wachstum, verschlungene Wege, Vielschichtigkeit, Netzstruktur, Begegnungen, jung, Beruhigung, Natur, Heimatgefühle durch Garten, Hoffnung, Urban Gardening

Brera | Serviced Apartments

 

 

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1 in: Karl Schawelka: Farbe. Warum wir sie sehen, wie wir sie sehen, Weimar 2007, S. 34 ff.

Der Brockhaus: Kunst. Künstler, Epochen, Begriffe, Mannheim 2001, S. 303 ff. .

Kandinsky, Wassily: Über das Geistige in der Kunst, Bern 1952

V. Von Veränderungen der Farben an Pflanzen, durch organische Kochung, 40., In:  Goethes Farbenlehre. Historischer Teil1  Stuttgart 1986, S. 53