Günther Knesch: Bundwerkstadel in Niederbayern. eine Dokumentation. Quellen und Materialien zur Hausforschung in Bayern Band 8, herausgegeben von Kilian Kreilinger und Georg Waldemer, Amerang 199
Günther Knesch: Der Bundwerkstadel. Architektur und Volkskunst im östlichen Bayern. Passau 1989

Bundwerkstadel

Mit "Stadel" oder "Getreidekasten" wird im Süden Deutschlands ein bäuerlicher Zweckbau aus dem 17. bis 19. Jahrhundert bezeichnet, der der Lagerung von Gerätschaften und Getreide diente, aber auch dem Dreschen des Korns. Der Stadel beherbergte den wesentlichen Besitz eines Bauern - mit Ausnahme der Tiere. Er nahm nach außen hin eine wichtige Rolle im bäuerlichen Gesamtgefüge ein. Der Stadel wurde, mit Erlangung konstruktiver Fertigkeiten und je nach zur Verfügung stehendem Material, zunehmend als möglichst stützenfreie Hallenkonstruktion im Ständerbau erstellt.

Als logisch aufgebauter, klarer, ästhetischer Bautypus, der seine Zwecke optimal erfüllte, war der Stadel extrem verbreitet. Heute stellt er sich zunehmend als überholte Bauform dar. Insbesondere die im Oberland in die Wiesen gestreuten Gerätestadel werden selten genutzt und sind dem Verfall preisgegeben. Denkmalpflegerischen und gestalterischen Wert besitzen scheinbar nur noch die Bundwerkstadel.

Das Bundwerk betont die funktionalen und konstruktiven Bereiche des Gebäudes wie herausragende Balkenköpfe, den Übergang von Wand zu Dach im Traufbereich, den Bereich um die Tore und Türen und kraftschlüssige Verbindungen (Blattung). Immer dort also, wo Bauelement aufeinander treffen und das technische Detail diese Verbindung definiert.

Das Bundwerk " (...) stört nicht die Gebrauchstüchtigkeit, verunklärt die Konstruktion nicht, sondern wächst wie selbstverständlich aus ihr heraus (...)."Es handelt sich in erster Linie nicht um ein Ornament, das etwa eine anders geartete Konstruktion dahinter verbirgt. 

Die Ausgestaltung des Bundwerks weist gewisse regionale Schwerpunkte auf, jedoch besonders viele individuelle Varianten. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Handwerkern und Auftraggebern führten zu solch zahlreichen Ergebnissen innerhalb des gleichen Systems.

Die bauliche Betonung und schmückende Überhöhung des Details wurde bereits am griechischen Tempel nach der Umstellung vom Holzbau auf die Verwendung von Stein weitergeführt. Die geschlitzten Steinplatten der Triglyphen als Markierung der Deckenbalken im Wechsel mit den nebenliegenden Mitopen führen das ursprüngliche Detail Deckenbalken/Querbalken als Ornament im Stein weiter.

Die (niederbayerischen) Bauern errichteten und gestalten ihre profanen Holzstadel also in direkter Verwandschaft zum Bauen im frühantiken Griechenland. Tempel aus Stein sind aus den Stadeln nicht geworden,  mangelte es möglicherweise an einer fruchtbaren Völkerwanderung, fehlte hierfür der Einfall dorischer Pferdeherren aus dem Norden?

Der Gitterbund ist ein wesentliches Element der gestalteten Bundwerkswand. Sich mehr oder weniger dicht überlagernde Andreaskreuze sind unterhalb der Traufe angebracht und verstärken konstruktiv die aussteifende Wirkung eines Ringankers. Gestalterisch wirken sie aufgrund der aufgelösten Fläche transparent, leicht und tief. Die Ähnlichkeit zu orientalischer Wandgestaltung und der Auflösung der glatten Wand ist für unser geschultes Auge überdeutlich! 

Und wer stellt endlich den Bezug her zu Sempers aufgelöstem Wandbehang!

 

1Günther Knesch: Bundwerkstadel in Niederbayern. eine Dokumentation. Quellen und Materialien zur Hausforschung in Bayern Band 8, herausgegeben von Kilian Kreilinger und Georg Waldemer, Amerang 1997

Günther Knesch: Der Bundwerkstadel. Architektur und Volkskunst im östlichen Bayern. Passau 1989

 

(jb)