COLUMBA LIVIA FORMA DOMESTICA

Der Balkon des frisch sanierten Altbaus in München-Schwabing wird kurz nach Fertigstellung von Tauben zugekackt. Die Rabenattrappen hatten keinerlei abschreckende Wirkung,  ganz im Gegenteil: direkt hinter ihnen ein einziges Taubenklo. 

Wie häßlich, wenn Fassaden und Balkone mit Netzen, Spikes, schwarzen Plastikvögeln oder blinkenden CD-Scheiben zugehängt werden müssen, um nicht von Tauben beschmutzt zu werden. Wenn die Tauben dann stundenlang dumpf auf dem Fensterbrett hocken, brüten und gurren, ist das abgesehen von der hygienischen vor allem auch eine ästhetische (und akustische) Belästigung. Von den ästhetischen Auswirkungen auf das Stadtbild spricht aber niemand. Für uns als Architekten ist das aber auch ein wesentlicher Aspekt des Problems.

Und keins der Tauben-Abwehrsysteme scheint wirklich zu funktionieren. Zum Ärger der Nachbarn ziehen die Tauben höchstens ein Haus weiter. Eine ganze Industrie lebt bereits von Produkten und Dienstleistungen rund um die sog. Taubenvergrämung. Die Palette reicht von Spikes, Drähten, Netzen, Elektroschock, Attrappen in Katzen-, Raubvogel- oder Menschenformen, (die gute alte Vogelscheuche!), Reflektoren über optische Systeme, die mit Hochfrequenz, Schalldruck und Greifvogelsgeschrei arbeiten.

Alle diese Maßnahmen setzen da an, wo Architekten und Bauherrn viel Zeit und Geld investiert haben: an der Fassade, den Balkon und Terrassen! Und dann sitzen da zehn schwarze Raben vor dem  Haus - das ist doch häßlich und gruselig, Hitchcock, die Vögel, Horror!

"Leben und leben lassen", sagen dagegen die "Freunde der Stadttauben."  

Über das von den Tauben ausgehende tatsächliche Gesundheitsrisiko wird zwar gestritten, daß sie aber fast immer mit Viren, Bakterien, Einzellern oder anderen Parasiten infiziert sind, die auch für Menschen gefährlich werden können, ist vielerorts nachgewiesen.

Taubenkot muß teuer mit Industriesaugern der Kategorie H (Asbestkategorie!) abgesaugt und als Sondermüll entsorgt werden. Die besonders hartnäckigen Reste werden im Trockeneisverfahren gelöst, anschließend ist noch eine Desinfektion inkl. Schädlingsbekämpfung fällig. Der Kot der COLUMBA LIVIA FORMA DOMESTICA ist nämlich nicht nur eklig, sondern auch ätzend, er kann kalkhaltigem Stein auflösen, Fassadenschäden durch Frostsprengungen sind die Folge, Holz wird ruiniert.

12 kg Naßkot produziert jede Straßentaube pro Jahr!

Die heutige Straßentaube stammt von der Felsentaube ab, fühlt sich also in unseren steinernen Städten absolut wohl. Sie frißt eigentlich alles, was in der Stadt an Nahrungsabfällen zu finden ist, von Gekochtem, Gebratenem, Süßen über Fisch, Fleisch und Käse. Es handelt sich also strenggenommen um einen allesfressenden Vogel?

Die Nahrungsabfälle der Menschen sind also die Existenzgrundlage der Stadttauben, dazu kommt noch, was die "Taubenfreunde" dazugeben. Eine Taube kann den kompletten Energiebedarf eines Tages blitzschnell aufnehmen und zieht sich dann für Stunden an ein ruhiges Plätzchen zurück (Fensterbrett, Balkon!), um zu verdauen (und zu kacken!) - ein sehr effektives Verhalten. Ihre Jungen kann sie in den ersten Tagen ganz bequem durch eigens erzeugte "Quarkmilch" ernähren und das siebenmal im Jahr (!).

Der erstaunlichste ist aber, daß man ihre Zahl nicht einfach durch Vergiften, Abschuss, Sterilisation etc. reduzieren kann. Die verbleibenden Tauben kompensieren ihre Anzahl nämlich umgehend durch erhöhte Eierproduktion. Man geht davon aus, daß die Taubenpopulation einer Stadt zwischen 5-10% der menschlichen Bevölkerung beträgt. Drunter geht es kaum.

Das beste Mittel, den Taubenbestand einigermaßen im Griff zu behalten, soll aus dem Aufstellen öffentlicher Taubenhäuser mit Futterangebot und dem Beenden von wildem Taubenfüttern bestehen. Es wird dann "Geburtenkontrolle" betrieben, befruchtete Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht und zusätzliche Hormonpräparate (Taubenpille) verabreicht. Man akzeptiert also die Tauben, handelt und gestaltet das Problem. Das nennt sich dann "integratives Stadttaubenkonzept".  

Die Stadt München werden bereits seit 2011 solche "Anlaufstellen" errichtet, u.a. in der Studentenstadt und in Schwabing. War das eigentlich erfolgreich, gäbe es sonst noch viel mehr Tauben in München?

 

 

Prof. Daniel Haag Wackernagel, Anatomisches Institut der Universität Basel: Die Straßentaube: Biologie - Probleme - Lösungen

www.vogelabwehr.de

www.tierrechte.de 

 www.wissenschaftundschreie.de