Lexikon des alten Handwerks Nr. 005: Keramik

Bei dem Band "Keramik" aus den 1960er Jahren handelt es sich weniger um handwerkliche Töpferkunst wie es unsere Überschrift vermuten läßt, sondern vielmehr um Kunstdidaktik rund um das Thema Keramik. Es werden unterschiedliche Techniken der Oberflächengestaltung und des abstrakten oder figürlichen Formens gezeigt.

Uns interessiert hierbei ganz grundsätzlich das Gestalten von formbaren Massen bzw. Flächen, sei es Knete, Ton oder eben Putz oder Beton. In den Kapiteln "Das Relief" und "Das Beleben der Oberfläche durch Fingerspuren, Stempel und Aufsetzen plastischer Linien" werden sehr interessante Beispiele der Strukturierung von Flächen vorgestellt. Der hohe Abstraktionsgrad läßt uns dabei an Hausfassaden denken oder Stuckarbeiten im Inneren.

Ähnliche Strukturen finden wir auch häufiger an Münchner Altbauten, die rillenhafte oder punktförmige Vertiefungen im Putz aufweisen. Die raue, bossierte Steinstruktur sollte die bewunderten italienischen Natursteinpalazzi mit den zur Verfügung stehenden schmalen Mitteln imitieren und kommt doch zu einem ganz eigenen Charakter.

Gebäude der Gegenwart werden wieder mit Reliefs versehen, die - um ein vielfaches vergrößert - teilweise direkt aus diesem Buch stammen könnten.

Die Architekten des 2013 fertiggestellten Vorarlberg Museum von cukrowicz nachbaur architekten in Bregenz beschreiten dabei in Zusammenarbeit mit dem Künstler Manfred Alois Mayr ganz ungewöhnliche Wege, um eine Belebung der Fassade zu erreichen. Die Böden von PET-Flaschen dienten als Formgeber für eine feine Strukturierung der Sichtbeton-Außenflächen.

Die Klinkerfassade des von Hild und K Architekten kürzlich sanierten Institutsgebäudes auf dem Gelände der Technischen Universität München schwingt sehr plastisch vor und zurück. (Man mag in diesem Kontext an die Tonwürste denken).

Und in München-Haidhausen gestalteten 03 architekten die Wohnanlage Tassilohof mit einer stark geometrisch geformten Fassade. Hier „antwortet eine kubistisch anmutende, waffelförmig modellierte Fassade auf den Kontext der Stadt und interpretiert das Thema der klassischen Lochfassade neu“, so die Architekten.

Der Zeitgeist der 1960er Jahre weht uns in dieser Publikation munter entgegen: Das Experimentieren und Herstellen von Mustern zunächst um ihrer selbst willen als ergebnisoffener formalistischer Gestaltungsprozeß, dem man erst im Nachgang eine funktionale Aufgabe zuweist, entspricht nicht unserer heutigen Erfahrung von erzwungener zumeist zweckgebundener Gestaltung. 

Hans Leistikow schreibt in seinem Vorwort: "Die Kunst und das Vergnügen am Gestalten" seien zuerst, das Handwerk erst danach entstanden. Der zufällig gefundene Tonbrocken sei demnach zuerst spielerisch und freudvoll in der Hand bewegt und erst viel später einen Nutzen als Gefäß und Aufbewahrungort zugeordnet gewesen. function follows form also?!?

 

In der Reihe "Das Spiel mit den bildnerischen Mitteln" sind noch weitere Bände zu den Themen: Werkstoff Papier; Werkstoff Holz; Werkstoff Metall; Farbe und Gewebe; Wellpappe; Punkt und Linie und Die Fläche antiquarisch erhältlich. Sehr empfehlenswert!

 

 

Fotos: Dieter Klante   

Röttger, Ernst und Klante, Dieter: Das Spiel mit den bildnerischen Mitteln. Band 3. Keramik. Ravensburg 1966

 

(jb)