Donnersbergerstraße - Die Straße, in der wir arbeiten...

Blick vom Rotkreuzplatz nach Süden in die Donnersbergerstraße
Städtische Rudolf-Diesel-Realschule (1880), Neorenaissance-Stil mit Uhrenturm, 1914 als Lazarett genutzt, kurz nach Ende des 2. Weltkrieges ausgebrannt, Ruine bis 1953, 1963 Wiedereröffnung
lediglich die Torpfeiler und der Zaun der Schule stehen heute unter Denkmalschutz
obere Donnersbergerstraße, Gründerzeitaltbau im späten Jugendstil, mit Balkongittern (1914), Architekt Sebastian Fischer
Eckhaus Donnersberger-/Schlörstraße (1890), Neorenaissancestil mit Spitzhelm, zunächst Wirtschaft "Goldener Storch" mit echtem Storchennest auf dem Dach, später wird der Wirt zum Post-Stallmeister im "Gasthaus zur Post" mit Pferdeställen für den Pferdewechsel der Postler bis 1921, heute "Sport Eibl"
Donnersbergerstraße 15, heutiges "Schuhhaus Raab", bis 1966 klassische Münchner Wirtschaft mit Kegelbahn und Saal, Gebäude der Genossenschaftssiedlung der Eisenbahner (1909–12), Architekten Hans Eisenrieth und Julius Groeschel,
Mitte Donnersbergerstraße, in den 1920er Jahren "Donnersberger Bierhalle" mit Saal für Kabarett, Faschingsveranstaltungen etc., dort wurde die SPD neuhausen gegründet, später "Tanzsaal Europa", täglich Life-Musik (und Schlägereien), 1972 geschlossen, heute "NORMA-Supermarkt"
Eckhaus Donnersberger-/Ecke Hirschbergstraße, ältestes Haus (1875), früher Wirtschaft "Königsburg", nach 2. Weltkrieg verkehrten hier viele "displaced persons", heute Bar und Restaurant "Workers"
Eckhaus Donnersberger-/Hirschbergstraße (Aufnahme während Fassadensanierung), früher "Hirschpark" mit kleinem Wirtsgarten und Bäumen, 1928-30 wenig erfolgreich mit "Neuhauser Weißbierhalle", dann Billiardcafé und Treffpunkt der Jugend, heute Augustiner Gastwirtschaft "Sappralott"
Donnersbergerstraße/Ecke Wilderich-Lang-Straße (1900) Neobarock, Wirtshaus "Centralhalle", später Parteilokal der SPD "Vorwärts", ab 1923 "Kolibri", elegantes Tanz- und Billardcafé, in den 1960er Jahren d e r Treffpunkt der Münchner Rock 'n' Roll-Szene, man verabredet sich "an der Säule", die zwischenzeitlich eingemauert worden war, Sanierung 2006 heute Arztpraxis
Donnersbergerstraße 44, davor eine Übergabekabine der automatischen Anwohnerparkgarage

Die Donnersbergerstraße in München-Neuhausen zieht sich über 600 Meter vom Rotkreuzplatz, leicht geschwungen, in südöstliche Richtung hin bis zur Arnulfstraße, bei der Donnersbergerbrücke. Das Architekturbüro Stenger2 befindet sich seit mehr als zehn Jahren etwa in der Mitte dieser Straße. Tagtäglich queren wir diese Straße. Wir wissen, wo es den besten Kaffee gibt, wer das frischeste Obst verkauft, wo man am besten parkt und wann die Sonne durchs Fenster scheint. Wir beobachten die steigende Beliebtheit dieser Straße und des Viertels. Nette Cafés, kleine Restaurants und hübsche Läden eröffnen. Zunehmend beziehen junge Familien, hippe Leute und Gutverdiener die sanierten (Eigentums)Altbauwohnungen aus der Jahrhundertwende. Das einseitige Arbeiterviertel ist vielleicht sogar richtig "in"? Auf jeden Fall es gibt sie hier noch, die ganz "normalen" Neuhauser, die Älteren und die Originale - eine gute Mischung alles in allem.

Vom Trampelpfad zum Bauboom

Wer einmal an der Führung "Donnersbergerstraße - Eine Neuhauser Lebensader" von Franz Schröther (Geschichtswerkstatt Neuhausen) teilnimmt, erfährt viel über die Geschichte dieser Straße: Ursprünglich war die Donnersbergerstraße nichts weiter als ein Trampelpfad, ein Feldweg, der bis Mitte des 19. Jahrhunderts zur nächstgelegenen Pfarrei in Sendling führte. Mit der Gründung der "Locomotivfabrik Krauss & Comp." (1875) auf dem Marsfeld beim Hauptbahnhof änderte sich die Situation schlagartig: es mußten Wohnungen für die Tausenden von Beschäftigten und deren Familien errichtet werden. Eine massive Bautätigkeit entlang der Donnersbergerstrasse, die zu diesem Zeitpunkt aber noch Ulhmannstraße hieß, setzte nun ein. Benannt wurde sie nach dem damaligen Eigentümer der  Gründstücke beiderseits des Pfades, dem Hopfenhändler Jakob Ulhmann aus Fürth. 1895 wurde die Uhlmannstraße dann nach dem inzwischen ausgestorbenen Adelsgeschlecht der „Donnersberger“ benannt, mit 200 Ahornbäumen bepflanzt und 1908 erstmals gepflastert.

Bauherren und Wohnsituation Anfang des 20. Jahrhunderts

Bauherren des Baubooms waren zum einen Handwerksmeister, die zwecks Alterssicherung Mietsgebäude mit Vorder- und Rückgebäude errichten ließen. Ihre Werkstätten befanden sich in den Rückgebäuden, dort, wo heute die Kreativbüros so gerne sitzen. Gleich zwei -sich politisch gegenüberstehende- Eisenbahnergenossenschaften leißen um 1910 große Wohnanlagen im Bereich der oberen und mittleren Donnersbergerstraße bauen. Die Wohnsituation insgesamt war jedoch zu dieser Zeit katastrophal: Die Wohnungen waren maßlos überbelegt, viele Säuglinge überlebten wegen der schlechten Hygienezustände das erste Lebensjahr nicht. Die Mieten waren aber dennoch extrem hoch. Es war üblich, daß die jungen ledigen Männer vom Land, die im Schichtdienst Arbeit gefunden hatten, als "Schlafgänger" tagsüber das Bett des Familienvaters für ein par Mark mieteten. Und gerade fertiggestellte Gebäude wurden von Familien eine paar Monate bei günstiger Miete "trockengewohnt", was den gesundheitlichen Ruin bedeuten konnte. Um 1910 lebten etwa 2400 Einwohner in der Donnersbergerstraße, mehrheitlich Eisenbahner, Postler und Tagelöhner, der vierte Stand also.

Die bierseeligen 1920er Jahre

Entlang der Donnersbergerstraße zählte man in den 1920er Jahren knapp zwanzig Gastwirtschaften. Es handelte sich dabei um einfache Arbeiterwirtschaften, keine Bierpaläste. Das Klientel bestand hauptsächlich aus den Anwohnern. Jede (Berufs)Gruppe traf sich in "ihrem" Lokal. Die Namen der Wirtschaften lauteten u.a. Donnersberger Garten, Goldener Storch, Gasthaus zur Post, Centralhalle, Königsalm, Wittelsbacher Bierhalle, Neuhauser Hof, Donnersberger Bierhalle, Königsburg, Hirschpark, Donnersberger Hof, Neuhauser Bauerngirgl. Der Bierkonsum war extrem hoch, Schlägereien und Messerstechereien an der Tagesordnung. Durchschnittlich lag der durchschnittliche Pro-Kopf–Verbrauch (je Einwohner!) damals bei 550 Liter Bier im Jahr. Heute liegt dieser Wert bei ca. 100 Litern. 

Kriegsschäden

Im 2. Weltkrieg wurde vor allem der nördliche Teil der Straße stark zerstört und dann in den 50er und 60er Jahren wieder ergänzt. Die prächtige Schule im Neorenaissancestil überstand den Krieg sogar relativ unbeschadet, brannte aber 1946 komplett aus.

„Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody“

In den 50er Jahren war die Donnersbergerstraße dann als Ausgehmeile sehr beliebt. Halbstarke, Amerikaner und  und Akteure der  Rock 'n' Roll Szene Münchnens traf sich im Kolibri, kurz „Ko“, Ecke Wilderich-Lang-Straße. Weitere Tanzlokale wie der Tanzsaal Europa oder das Astoria sorgten für Unterhaltung.

Verkehrsgeschichten

Die Tramlinie 22 durchfuhr die Donnersbergerstraße von 1922 -70, die Schienen verblieben im südlichen Teil noch bis 2003. Bis zur Fertigstellung der Donnersbergerbrücke 1972 verlief sogar der stark befahrenen „Mittlere Ring“ hier durch. Die Vorgärten und Bäumen mußten weichen. Gehweg und Straße sind heute noch sehr breit im Vergleich zu anderen Staddtteilen Münchens. In ihren Dimensionen entsprechen sie vielmehr dem Berliner Tottoir.

Pilotprojekt Parkautomat

Nach Sanierungsmaßnahmen und Neupflanzung von Bäumen in den 80er Jahren wurde 2006 ein spektakuläres Pilotprojekt der Stadt München realisiert: Die erste vollautomatische Anwohnertiefgarage Münchens mit 284 Stellplätzen. Die Autos werden automatisch in einem unterirdischen Stahlregallager geparkt, Rampen, Treppenhäuser und Aufzüge konnten somit eingespart werden. Es wurden außerdem Grüninseln eingerichtet, Bäume und Sträucher gepflanzt. Die sog. Übergabekabinen der Tiefgarage, große Boxen in Stahl und Glas, integrieren sich recht gut ins Straßenbild. 

Fazit

Es wird weniger gesoffen, mehr Feinkost verzehrt, es ist ruhiger und grüner geworden, Autos parkt ein Automat, die Mieten sind nach wie vor hoch und steigen tendenziell. Zentral liegt die Donnersbergerstraße auch heute noch. Die Tanzlokale und urigen Wirtschaften sind Arztpraxen, Schuhläden, Discountern und Feinkostläden gewichen - Rock 'n' Roll is over, aber wir sind gerne hier und das Nebeneinander von Katzenboutique, Griechischer Feinkost, Architekturbüro und Fabrik-Resteverkauf hat seinen ganz eigenen Charme.

 

 

"Automatische Anwohnertiefgarage an der Donnersbergerstraße", sehr interessantes Projektblatt der Stadt München (pdf)  

Bei einer Stadtführung der Geschichtswerkstatt Neuhausen kann man von z.B. Franz Schröther einiges über die Geschichte dieser Straße und deren Bewohner erfahren, nächste Führung am Sonntag, 10. Mai 2015, 14.00 Uhr, Treffpunkt: Rotkreuzplatz, vor dem Kaufhof. "Die Donnersbergerstraße - eine Neuhauser Lebensader"

Geschichtswerkstatt Neuhausen (Hg.): Vom Rio zum Kolobri - Halbstark in Neuhausen. Jugendkultur in einem Münchner Stadtteil 1948-1962, München 2001

Krauss - Maffei AG, Fusion zweier Lokomotivwerke 1931: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44907

"Berge von unten, Kirchen von außen, Wirtshäuser von innen. Wirtshäuser in München um 1900", Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung,(hg.) Pasinger Fabrik. Kultur und Bürgerzentrum, München 1997

(jb)