Bauen oder eben nicht

So ganz vergessen sind sie nie, die unrealisierten (Bau)vorhaben. Die Häuser, die nie bezogen wurden, die Grundstücke, die nie bebaut wurden. Auch wenn der Entwurf, das kühne Projekt, der ideale Bauplatz aus ganz nachvollziehbaren Gründen niemals betretbare Wirklichkeit wurden, und auch wenn sie von Anfang an rein fiktiver Natur waren: Sie haben sich in unsere Erinnerung eingegraben. Wir hatten schon alles vor uns gesehen, nicht nur gedanklich, sondern oft auch schon auf dem Papier, als Berechnung, Zeichnung oder Modell. In jedem (Architektur)büro gibt es sie, die Ordner namens „AKQUISE“, „ABLAGE“ oder „AUF ABRUF“, gefüllt mit Anfängen von Bauvorhaben, die aus den vielfältigsten Gründen nicht weiterverfolgt wurden. Es sind Anfänge, Geschichten, die jäh abbrachen, manchmal bereits nach dem ersten Telefonat, nach wenigen Emails, nach einer Begehung vor Ort... Ganz vergessen sind nicht. Hier wurden Erfahrungen gesammelt. Jedes nicht zustande gekommene Projekt lehrt uns etwas, ist Teil der Arbeit, des Lebens, der nicht im digitalen oder analogen Papierkorb entsorgt wird. Das ein oder andere Projekte wird zuweilen auch noch überraschend nach einer längeren „Sendepause“ hervorgeholt und tatsächlich umgesetzt, nach dem Motto „Papier ist geduldig“.

Simulation und Wirklichkeit. Vom Schweigen der Gedanken

Je nach Stand des Projekt kann es sich bei den „Zeugnissen“ des Ungebauten um Schriftverkehr, Skizzen, Fotos, Texte, Perspektiven, Berechnungen bis hin zu fertigen Ausführungsplänen handeln. Im Gegensatz zum rein Gedachten, Ungeschriebenen, wird das Ungebaute auf seine Weise sichtbar und kann im Betrachter wirken. Das rein Gedachte ist dagegen für andere wirkungslos, weil nicht sichtbar, nicht vermittelt, kommuniziert. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom beschreibt diesen Unterschied und das ins Reale oszillierende architektonischer Ideen in seinem Buch „Nie gebaute Niederlande“ (2000): „Ungebautes ist sichtbar. Das ganze Bauwerk steht da; es ist erdacht, entworfen, gezeichnet,… es ist da und doch nicht da.“ Die Möglichkeiten der Architekturdarstellung, von simulierter Wirklichkeit, reichen dabei von technischen Zeichnungen, Perspektiven über das (maßstäbliche) Modell, 3D-Visualisierungen oder virtuelle, fotorealistische Welten. 

Scheitern - Woran?

(Bau)vorhaben kommen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zustande, „zwischen Traum und Tat stehen Gesetze und praktische Bedenken“ wie es Nooteboom treffend ausdrückt. Man könnte sie mit dem Begriff „Sachzwänge“ am besten überschreiben. Da geht es zunächst um Geld und Zahlen, dann um politische Rahmenbedingungen, baurechtliche Vorschriften und den Faktor Zeit. Daneben sind es wohl auch nicht gefundene Kompromisse, die aufgrund der Anzahl der am Bau Beteiligten, die Mit- und Einspracherecht besitzen, nicht zu finden war. Aber auch Zwischenmenschliches, Abneigungen und Zuneigung und Geschmacksfragen können einer Realisierung im Wege stehen. Und gar nicht so selten ist es einfach nur Zufall, Pech, Schicksal.

Die Architekturkritikerin und ehemalige Leiterin des DAM Frankfurt a.M. Ingeborg Flagge verweist auf den meist kompromisslos klaren Charakter von Konzepten und Entwürfen bei Wettbewerben, die im Zuge der Umsetzung oft verwässert und beinahe unkenntlich gemacht werden: „Fassungslos steht man nicht selten vor solchen Bauten (…). Dabei hat nur die Wirklichkeit mit ihren Sachzwängen zugeschlagen“.

Wie ängstlich sind wir denn?

Diejenigen Bauwerke, die tatsächlich errichtet werden und die, die nicht gebaut werden, sagen einiges über uns aus. Was sind unsere Prioritäten und Kriterien? Sind wir vertrauensvoll, vernünftig, mutig oder eher vorsichtig und ängstlich? Die nicht realisierten Entwürfe, besonders die städtebaulichen, zukunftsweisenden zeigen überdeutlich die Wünsche, Ideen und Träume einer Zeit. Und: So hätten wir sein können, leben können, sind es aber nicht geworden. Jeder größere Wettbewerb zeigt neben dem Gewinner auch die zweit-, dritt-, Viertplatzierten. Es lohnt sich, gerade auch diese zu studieren unter dem Aspekt: So wollten wir NICHT sein. 

In Publikationen und Ausstellungen, beispielsweise „Das ungebaute Berlin. Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert „ (2010), werden diese Projekte präsentiert. Das führt dann hin und wieder zu Seufzern des Bedauern (Wie schade!) oder aber der Erleichterung (Gott-sei-Dank!). 

Wenn wir unseren Blick weg von den kleineren, privaten Ideen und Projekten auf die größeren Visionen und Träume von Stadtplanern, Gesellschaftstheoretikern und Utopisten der vergangenen Jahrhunderte richten, wird die soziale, philosophische und politische Dimension dieser Bauträume noch deutlicher: Bis auf wenige durch absolute Herrscher umgesetzte Städtebauphantasien (Idealstädte Renaissance/frühe Neuzeit, Schlossanlagen Absolutismus), dienen diese Konzepte vielmehr dem intellektuellen Diskurs über Stadt als Lebensraum- und form als einer konkreten Realisierung. Die ist meist gar nicht ernsthaft beabsichtigt.

Das Architektenpaar Peter und Alison Smithson (1923-2003;1928-1993) entwickelte 1955 in der Nachkriegszeit ein „House of  the Future (H.O.F.) für die „Ideal Home Exhibition" in London. „Wir wollten damit wachrütteln. Das H.O.F. ist unser Musterhaus für ein neues Gesellschaftsbild, eine Life-Bühne. Das Haus … wird zur Bühne einer veränderten Rolle für die Bisher-Nur-Frau.“ Auch wenn dieses Projekt als temporäres Bauwerk im Rahmen einer Messe realisiert wurde, kann man es zu den „unbuild“-Projekten zählen. Die Smithsons veröffentlichten eine umfangreiche Publikation über ihre Bauten, Inspirationen, Pläne und Gedanken unter dem Leitsatz: „A book about architectural ideas does not have to be completely logical to produce in some happy recipient a design impulse“. Mit dem Mittel des Buches wird eine Idee transportiert. Was genau diese Idee beim Rezipienten auslöst, kann offen bleiben. Es geht um die Anregung, Weiterdenken, Neudenken.

Die technischen Grenzen hingegen verschieben sich immer weiter nach hinten. Galten die radikalen Architekturvisionen der russischen Konstruktivisten eines Konstantin Melnikov, El Lissitzky oder Wladimir Tatlin etc. noch als nicht realisierbar, sind heute schier unglaubliche Gebäude wie das Hauptquartier des chinesischen Fernsehsenders CCTV in Peking von Rem Koolhaas möglich.

Von Architekten, die bauen wollen oder auch nicht.

Die Gretchenfrage an den Architekten der 1970er Jahre lautete frei nach Shakespeare:“ To bild or not to build, that is the question.“ Bauen oder Nicht bauen. Die Architekten Leon Krier und Massimo Scolari bezogen hier eine extreme Position: Sie weigerten sich, für eine „Gesellschaft von Dieben und Mördern“ zu bauen, die allein noch über das Geld zum Bauen verfüge. „Ich kann nur Architektur hervorbringen, weil ich nicht baue. Ich baue nicht, weil ich Architekt bin“, meinte Krier und fabulierte und zeichnete umso mehr.

Ein Skeptiker der schieren Bauwut tritt mit Muck Petzet mit seinem Beitrag "Reduce, Reuse, Recycle. Ressource Architektur" im Deutschen Pavillon zur Biennale von Venedig 2012 auf die internationale Bühne. Sein Mantra beim Bauen lautet: Bevor ein Gebäude abgerissen und ersetzt werden soll, muss abgewogen werden zwischen dem Energieverbrauch des Abbruchs und Neubaus oder dem Erhalt und dem Umbau des Bestandsgebäudes. Kurz gesagt:in dubio pro Bestand. Lieber nicht Bauen! Ein Architekt, der lieber nicht baut aus ökologischen, energetischen, kulturellen Gründen. Der aus der sensiblen Beobachtung gesellschaftlicher Veränderungen (Überalterung, Städtewachstum, Ressourcenverschwendung) und der Tatsache, dass Bauen in der Hauptsache im Bestand stattfindet, seine Schlüsse zieht. „Je weniger Änderungen vorgenommen werden und je weniger Energie dafür nötig ist, desto effektiver ist die Umbaustrategie.“ - Gesellschaftliche Visionen klingen anders. Das sind keine heroisch- radikale Ideen. Petzets bescheidene Idee des Weiterbauens, Annehmens, Fortsetzens wurde dann auch zwiespältig rezipiert. Das Selbstbild einiger Architekten war damitnämlich kräftig angekratzt worden. Was ist ein Architekt denn, wenn er nicht baut?

Kunstwerk, Bauwerk, Zweckbau?

Die Frage nach dem Bauen oder Nicht-Bauen hängt davon ab, was einer unter Architektur versteht. Ist Architektur mehr zweckdienliches  Bauwerk oder kulturell-gesellschaftlicher Beitrag, ist es Kunst? Ist nicht gerade die geglückte Vereinigung all dieser Ziele, die gute Architektur ausmachen? Walter Gropius sagte einmal, dass architektonische „Gestalten ist, wie in Fesseln tanzen“. Unter all den Einschränken und Gegebenheiten ein Werk zu schaffen, dass allen Anforderungen genügt, ist große Kunst. Es gibt immer wieder Bauwerke, die beweisen, dass dies möglich ist.

Auch Marcel Breuer war fürs Bauen, fürs Machen. Als er im Jahr 1932 aufgrund der Weltwirtschaftskrise keine Aufträge bekam, meinte er missmutig: „Soll ich weiter Baupläne machen ohne sie jemals auszuführen? Dann hat Malen mehr Sinn. Wenn die Kunst bloß nicht so langweilig wäre!“ Der Reiz an ihrem Beruf liegt für viele Architekten eben gerade in der Umsetzung, am Widerstand von Materie und Realitäten, an der Herausforderung, spontan neue Lösungen finden zu müssen. Auch Jörg Siegert, Büropartner von Stenger2 Architekten, ist in diesem Sinne ein Macher: „Ich bin froh, bauen zu können, zu sehen wie nach und nach aus dem fiktiven Projekt reale Räume entstehen. Ja, und den Beton zu riechen. Bauen ist echte Teamarbeit. Gute Handwerker sind dabei enorm wichtig, ohne sie geht es nicht. Konflikte und Schwierigkeiten auf dem Weg sind da normal und notwendiger Teil der gemeinsamen Lösungsfindung.“

Abgesehen von der Freude am Tun, müssen eben auch die Brötchen verdient werden. Mit Architekturzeichnungen gelingt das nur sehr wenigen. Wer über andere Einnahmequellen verfügt, kann sich aber dem Träumen auf Papier/Screens hingeben.

Schubladen auf - Visionen schaden nicht immer!

Es lohnt sich, hin und wieder die (eigenen) Schubladen zu öffnen, in Ausstellungen und Publikationen zu studieren, was alles nicht gebaut wurde und zu hinterfragen, warum. Vieles wird vielleicht auch erst im Rückblick begriffen. Es schlummern noch allerorten ganz ausgezeichnete Ideen. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Hin und wieder kann man dann auch sehr erleichtert sein, und einen wohligen Schauer darüber verspüren, dass der eine oder andere „bauliche Kelch“ an uns vorüberging. Außerdem hatte Helmut Schmidt hatte mit seinem Ausspruch: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." im Bezug aufs Bauen nicht unbedingt recht.

 (jb)

 

Robert Harbison: The Built, the Unbuilt and the Unbuildable. In Pursuit of Architectural Meaning. MIT Press Cambridge Massachusetts 1991

Link:Prof. Dr. Ingeborg Flagge: Ungebaut ist die bessere Architektur, 2013

Muck Petzet und Florian Heilmeyer (Hrg.): Ressource Architektur, Publikation anläßlich des deutschen beitrags Reduce/Reuse/Recycle. Ressource Architetkur zur 13. Architetkurausstellung Common Ground der Biennale Venedig vom 29. August bis 25. November 2012, Ostfildern 2012

Angela Schönberger/Internationales Design Zentrum berlin (Hrg): Simulation und Wirklichkeit: Design, Architektur, Film, naturwissenschaften, Ökologie, Ökonomie, Psychologie, Berlin 1988

Cees Nooteoom: Nie gebaute Niederlande, München 1999

Alison and Peter Smithson: The Charged Void: Architecture , New York 2001

Dirk Meyerhöfer: Das Geheimnis der Schranktür. Das Architektenpaar Peter and Alison Smithson. Ein Feature, gesendet DLF 20.06.2014

Heinrich Klotz: Moderne und Postmoderne. Architektur der Gegenwart 1960-1980, Braunschweig 1984
Carsten Krohn (Hrg.): Das ungebaute Berlin. Stadtkonzepte im 20. Jahrhundert, Berlin 2000

Umfassender Ausstellungsbericht: Das ungebaute Berlin 2010, in "BAUNETZWOCHE#182" zum pdf-Download 

Auch so ein Traum: Das Mathäser-Parkdeck mit Sand zuschütten und dort Public-Viewing veranstalten zur WM 2014. Aufgrund von "Sachzwängen z.B. statischer Natur" ist daraus nichts geworden...