Proportionsstudien von Theodor Fischer an Gräsern, Scheirling, Sauerampfer, © Winfried Nerdinger: Theodor Fischer. Architekt und Städtebauer 1862-1938. München 1988, S. 99 (Ausschnitt)

Proportionsleere

Wenn heute (schöne!) Architektur entworfen werden soll: Woran hält sich der Architekt oder die Architektin bei der Proportion, dem Verhältnis von der einzelnen Teilen zum Gesamten? Gibt es jahrhundertealte, geheime Regeln, Zahlenkombinationen, die ein automatisch ein schönes Gebäude hervorbringen? Oder ist es die individuelle, geniale Intuition des Baukünstlers?

Ohne Ziel keine Methode

Zunächst ist da die Frage nach dem Ziel: Was ist denn das, ein schönes Gebäude? Schönheit? Ein schönes Gebäude, Kunstwerk oder Gesicht wird individuell bewertet. Diese Bewertung hängt stark ab von gesellschaftlichen und kulturellen Nomen, von Ort und Zeit. In einer liberalen, marktwirtschaftlich organisierten und säkularisierten Gesellschaft ist das Verständnis vom „Guten und Schönen“ zuweilen disparat. Zwar bringen historisch überlieferte Bauformen, gesellschaftlich-kulturellere Gepflogenheiten, Sehgewohnheiten, Bedingungen der Ergonomie, des Baurechts und nicht zuletzt Produkte und Konditionen der Bauindustrie einen gewissen Grad an ästhetischer Kongruenz hervor. Dennoch, eine einhellige Antwort auf die Frage nach der Schönheit gibt es schon lange nicht mehr. Wenn also das Ziel nicht klar ist, wie kann es dann die Methode sein?

Blick zurück

Werfen wir einen Blick zurück: Von den Ägyptern, über die Griechen, das antike Rom und verstärkt in der Renaissance wurden zahlreiche Regeln und Gesetze der harmonischen Proportion aufgestellt und angewendet. Diese Anleitungen gingen von Analogien in Musik, menschlichen Proportionen, der Pflanzenwelt, geometrisch-mathematischen Figuren und Berechnungen, und wurden fast immer vor dem Hintergrund einer gewissen religiösen Grundhaltung geschrieben.

Im antiken Griechenland herrschte die Idee, dass alle Erscheinungen einer göttlichen, mathematischen Harmonie unterliegen, die man entziffern und dann anwenden kann, um z.B. mit Architektur Teil dieser schönen Ordnung zu werden.

Schriften über Harmoniegesetze, die wie Rezeptbücher für gelungenes Bauen garantieren sollten, ziehen sich durch die Jahrhunderte der Architekturgeschichte. Seit Marcus Vitruvius Pollio die „Zehn Bücher über Architektur“ (um 20 v.Chr.) veröffentlichte und damit erstmals das gesamte Wissen antiker Baumeister zu einem Standardwerk der Architektur zusammenfasste, wurden bis ins 20. Jahrhundert immer wieder Übersetzungen und neue Proportionslehren postuliert.

Möglicherweise war Le Corbusier mit seinem „Modulor“ 1948/55 jedoch einer der letzten, der ein Proportionssystem, eine „neue Harmonik im menschlichen Maßstab, allgemein anwendbar in Architektur und Mechanik“ entwickelte. Der große Vorteil einer solchen Lehre liegt auf der Hand: Es kann direkt losgehen mit dem Plänezeichnen: „Auf dem Zeichentisch eines jeden Architekten ist der Modulor eine ausserordentliche Hilfe; er schliesst von vorneherein jedes Zögern, jede Unwissenheit, ja sogar jede Unkorrektheit aus.“

Einige der wichtigsten historischen Quellen zum Thema Proportionslehre seien hier kurz genannt: Leon Battista Alberti „Über das Bauwesen“ um 1450, Leonardo da Vincis Proportionsstudien „Der vitruvianische Mensch“ 1492, Albrecht Dürer „Vier Bücher der menschlichen Proportionen“ 1528, Andrea Palladio „Die vier Bücher zur Architektur“ 1570, Sebastian Serlio „Sieben Bücher über die Architektur“ 1584, Claude Perrault „Ordnung der fünf Säulenarten nach der Methode der Alten“ 1683, August Thiersch „Die Proportionen in der Architektur“ 1926, Theodor Fischer „Zwei Vorträge über Proportionen“ 1934, Le Corbusier „Modulor“ 1948/55, etc.

Bereits im 17. Jahrhundert begannen jedoch Architekturtheoretiker wie Claude Perrault an diesen Gesetzen zu zweifeln. Im „Proportionenstreit“ vertrat Perrault die Auffassung, dass Schönheit nicht auf ewig gültigen göttlichen Gesetzen beruhe, sondern vielmehr auf zeitbedingten menschlichen Vereinbarungen.

 

Exkurs: Hugo Härings und Theodor Fischer – Zwei  Haltungen zur Proportionslehre Anfang des 20. Jahrhunderts

Der Architekt und Städteplaner Theodor Fischer (1862-1938) begründete seine Entwurfsmethodik in den 1930er Jahren auf Proportionenlehren, die er von seinem Lehrer für antike Architektur, August Thiersch, an der Münchner Hochschule übernommen hatte. Dieser wiederum bezog sich vor allem auf Vitruvs Standardwerk.

Fischers Zeitgenosse Hugo Häring, Architekt und Wegbereiter der Organischen Architektur, reagierte mit einem kritischen Beitrag auf  Fischers Proportionslehre.  Er bezweifelte die tatsächliche Erfahrbarkeit solcher Formeln: „ … ob eine Proportionierung des Planes, der Grund- und Aufrisse tatsächlich auch immer augenhaft aufgenommen werden kann, ob nicht, anders als in der Musik, das so Gewollte gar nicht so gesehen wird, gar nicht so gesehen werden kann, weil viele dieser Beziehungen gar nicht wahrgenommen werden können und auch wo sie wahrgenommen werden, die Wirkung des Gesehenen auch noch anders ist als das Gewollte, so daß um richtig architektonisch zu komponieren, man nicht nur figurieren und proportionieren, sondern vor allen Dingen auch die Wirkung ermessen müßte, die ja außerdem auch noch von jedem Standpunkt aus eine andere ist.“

Seit den Nachkriegsjahren ist die Literatur zum Thema Proportion geradezu explodiert, die Bandreichte reicht von sachlich-wissenschaftlichen Untersuchungen bis hin zu populären kosmo-esotherischen Verschwörungstheorien. Eine autonome, neue Proportionslehre konnte sich seitdem jedoch nicht mehr etablieren. Erwin Panofky, bedeutender Kunsthistoriker, meinte bereits 1921: "Heutzutage dürften, von einigen sonderbaren Schwärmern abgesehen, wohl nur noch Anthropologen und Kriminalisten etwas wie Proportionslehre betreiben."

 

Dekonstuktivismus, Digitales Entwerfen und Soziales Bauen statt göttlicher Proportionen?

Die Architekten des Dekonstruktivismus wie Coop Himmelb(l)au, Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Daniel Libeskind, Peter Eisenman, Bernard Tschumi, etc. verneinten althergebrachte Ideale schöner Bauwerke wie Reihung, Symmetrie, Regelmäßigkeit. Sie zeichneten zunächst und  bauten dann in 1980/90er Jahren autonome, dynamische Bauskulpturen. Der subjektive Eindruck des Gebauten sollte im Vordergrund stehen, nicht alte Sehgewohnheiten. „ Die Vorstellung, Architektur müsse in der Tradition der Wahrheit stehen, müsse ihre Schutzfunktion repräsentieren und müsse das Gute und das Schöne darstellen, ist eine primitive unbemerkte Repression. In Wirklichkeit ist gerade die Wahrheit der Instabilität unterdrückt worden.“, meinte Peter Eisenman. Mit dem Neubau des Jüdischen Museums in Berlin zeigte Daniel Libeskind, was eine solche Architektur vermag.

Digitales Entwerfen, das mit dem Eingeben von spezifischen Parametern eine rechnergenerierte Entwurfslösung produziert, stellt einen anderen Weg in der Entwurfsmethodik dar. Die Grenzen von althergebrachten Raumformen werden zudem mit neuartigen Baumaterialien und -techniken bereits immer wieder gedehnt, wie verschiedene Blog-Architekturen zeigen. Eine klasssiche Proportionslehre führt hier ebenso ins Leere. Nur stellt diese Architektur eher die Ausnahmen dar. Für das „täglich Brot“ der kleineren und mittleren Architekturbüros in Deutschland sind die derlei Architekturdiskurse kaum relevant. Sie bauen im Kontext von mehr oder weniger klassischen Gebäuden und wollen nicht unbedingt das Spektaktuläre, Neue, Andere. Sie müssen ihre eigenen Rezepte zur Vergewisserung entwickeln, gegen Beliebigkeit und Chaos. ­­Die Schaffung einer inhärenten Ordnung eines Bauwerks ist primäre Gestaltungsaufgabe des Architekten. Maßsysteme mögen ihm dabei helfen; allein lösen können sie nichts. ­„Die Maß-Regler sind Selbstversicherung gegen die Willkür. Sie befriedigen den Geist. Die Maß-Regler sind Hilfsmittel und kein Rezept. Ihre Wahl und ihre Ausdrucksformen sind integraler Teil der schöpferischen Gestaltung der Architektur.“ Le Corbusier, 1922

Das Soziale, Politische und die Frage der ökologischen Nachhaltige spielt eine immer größere Rolle in Architekturpraxis und–theorie. Die gesellschaftliche Bedeutung von Bauformen und –prozessen steht dabei im Fokus. „Form versus Politik“ titelte so auch 2015 Arch+ und hinterfragt damit das Berufsbild des Architekten. Fragen nach Proportion und Schönheit treten in den Hintergrund. „Die Erkenntnis, dass es in der Architektur keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, war geprägt durch die gegenkulturelle Suche nach einer anderen Gesellschaft und nach einem neuen Typus von Macht, die sich stark auf das Selbstverständnis der Disziplin auswirkte: nämlich in der Infragestellung der Autorschaft des Architekten sowie in einem neuen dialogischen Berufsbild.“

 

 

Le Corbusier: Ausblick auf eine Architektur. (1922) Braunschweig 1982, S. 61-74

W. Boesiger (Ed.): Le Corbusier: Oevre complète. Volume 5, 1946-52. Paris 1995, S. 178-185

Hugo Häring: Proportionen, in: Deutsche Bauzeitung, Heft 29, 18.7.1934, S. 541-545

Erwin Panowsky: Die Entwicklung der Proportionslehre als Abbild der Stilentwicklung, 1921

Rudolf Wittkower: Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus. München 1990

Heinrich Wölfflin: Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur. (Phil. Diss.) München 1886

Michael Hauskeller (Hrg.): Was das Schöne sei. Klassische Texte von Platon bis Adorno. Bonn 1994

Colin Rowe: The Mathematics of the Ideal Villa (1947)  Massachusetts 1995

Winfried Nerdinger: Theodor Fischer. Architekt und Städtebauer 1862-1938. München 1988, S. 96-100

Triennale Milano 1951, Kongress "La Divina Proporzione": Forscher, Mathematiker, Ästhetiker, Architekten und Kunsthistoriker stritten über die Zukunft der Proportionslehre. Mit Le Corbusier, Siegfried Giedion, Rudolf Wittkower, Max Bill, Pier Luigi Nervi, Carlo Mollino, u.a.:

http://www.academia.edu/14874495/Triennial_1951_Post-War_Reconstruction_and_Divine_Proportion_con_Fulvio_Irace_in_

www.engramma.it/eOS/index.php

© Winfried Nerdinger: Theodor Fischer. Architekt und Städtebauer 1862-1938. München 1988, S. 100
© Le Corbusier: Ausblick auf eine Architektur. (1922) Braunschweig 1982, S.72
© W. Boesiger (Ed.): Le Corbusier: Oevre complète. Volume 5, 1946-52. Paris 1995, S.180
© W. Boesiger (Ed.): Le Corbusier: Oevre complète. Volume 5, 1946-52. Paris 1995, S.181