Markus Stenger, Mariana Yordanova: Die Fassade gehört (zu mir), Innovative Fassadentechnik Ernst & Sohn Verlag für Architektur und Technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Special April 2016, S. 63 ff.

Diese Fassade gehört (zu) mir

Markus Stenger, Mariana Yordanova: Die Fassade gehört (zu mir), Innovative Fassadentechnik Ernst & Sohn Verlag für Architektur und Technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Special April 2016

Seite 63 ff.

Seit Jahrtausenden gibt es das Bedürfnis, Bauwerke als Leinwand zu verwenden, um dem Rest der Welt die eigene Geschichte, Ansicht und Weltanschauung mitzuteilen.

In Mesopotamien wurde die Lebensleistung des Herrschers Assurbanipal auf den Wänden seines Palastes verewigt. Spätere Werke, wie die mit detaillierten Reliefs versehenen Säulen Trajans und Marc Aurels oder die Triumphbögen von Konstantin und Septimus-Severus in Rom geben noch heute Zeugnis über historische Ereignisse aus der Kaiserzeit.  Die Präsentation von Information auf der Außenhaut eines Bauwerk oder Monuments war in der Antike das einzige Mittel, eine breite Öffentlichkeit über einen langen Zeitraum zu erreichen. Beides, visuelle Strahlkraft und Anziehungskraft des Standorts war hierfür entscheidend. Naturgemäß waren es in vergangenen Zeiten die Autoritäten, die Herrscher, die über diese Standorte und die wirtschaftlichen Voraussetzungen verfügten, diese Art der "Informationspolitik" tatsächlich umzusetzen - oder zu verhindern. 

Angesichts des aktuellen Information Overflow in allen uns bekannten Medien stellen wir uns die Frage, ob gerade Gebäude und ihre Fassaden vor dem angestrebten Ideal von Informationsfreiheit und freier Meinungsbildung erneut als Informationsträger eingesetzt werden können - ohne autokratisch zu sein.

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Seit 2015 läuft an der Eingangsfassade des KARE Kraftwerks in München-Obersendling ein Experiment. Eine sogenannte Media-Jalousie der Fa. Mediabiose, integriert in die bestehende architektonische Fassade, ist in der Lage, wechselnde aktuelle Informationen an davor stehende Menschen weiterzugeben. Seit Anfang 2016 besteht für die Betrachter darüber hinaus sogar die Möglichkeit, diese Inhalte selbst zu bestimmen. Über WhatsApp kann an die mit einer Telefonnummer versehene, "personalisierte" Fassade des Kraftwerks eine Nachricht gesandt werden, die unmittelbar darauf auf der Gebäudehülle erscheint. Um sicherzustellen, dass keine verletzenden Äußerungen gepostet werden, ist ein "menschlicher Filter" davor geschaltet. Wie ein riesiger Twitter-Blog zeigt sich die Fassade nun tausenden Autofahrern und Fußgänger – ein neuzeitliches Statement, das zeigt, wie Bauwerke einer unbegrenzten Zahl von Nutzern nicht nur als Schautafel für Information, sondern als Plattform für Kommunikation zugänglich gemacht werden können. 

Zugleich öffnet sich die interessante Verbindung zu einem weltweit verbreiteten Phänomen, das die Sehnsucht der Menschen zeigt, einen persönlichen Bezug zu einem -schönen, erinnerungswürdigen, mahnenden, einzigartigen- Ort, oder -stellvertretend hierfür- einem Bauwerk oder Monument herzustellen. Die Plattformen der Social Media sind voll davon: Gesichter, die auf Arm- oder Selfie-Stick-Entfernung in Smartphone-Linsen lachen, vor dem Petersdom in Rom, vor dem Weißen Haus in Washington, vor dem Kölner Dom.

Nicht die Abbildung des Bauwerkes alleine scheint dem Nutzer wichtig zu sein, sondern seine Präsenz neben dem Bauwerk und damit die Personalisierung des Gebäudes, des Ortes. Was bewegt aber Menschen dazu, sich vor Landmarken und architektonischen Highlights selbst zu fotografieren und diese Alfies (Architekturselfies) massenhaft online zu stellen? Ist es Eitelkeit? Oder die Absicht der Dokumentation, der einfachste Beweis, dass man "da" war? Wenn aber für den Beweis des "da seins", des "am Ort seins", ein stummer, architektonischer Zeuge, im Hintergrund notwendig ist, hat dies zweifellos eine große Bedeutung für die Architektur. Denn es geht damit um nichts Geringeres als die VERORTUNG des Menschen in einer Zeit, in der Unabhängigkeit, Rastlosigkeit, Bewegung, Entwurzelung und Verallgemeinerung vorherrscht. In Zeiten der fragwürdigen Verlässlichkeit von Inhalten wirkt zudem die Authentizität von "steinernen" Zeugen, von Fassaden bekannter Gebäude, beruhigend und verlässlich. Wir benutzen deshalb hierfür auch den Ausdruck "Wahrzeichen". Wahrzeichen sind wahr, sie können nicht lügen.

Steht unser Name auf dem Wahrzeichen wird jedes Gebäude zum persönlichen Triumphbogen. Das Experiment am Kraftwerk hat gezeigt: steht der eigene Name in großen Lettern auf der Fassade eines wichtigen Gebäudes, wird -ohne dass hierfür eine weitere Aufforderung nötig wäre, das Handy aus der Tasche geholt und ein Foto davon gemacht – oft als Selfie mit dem Gebäude und dem eigenen Namen im Hintergrund. Auch und gerade wenn die Personen nicht vorher darüber informiert wurden und der Überraschungseffekt vollkommen war.

Im späteren Verlauf des Experiments war der Autor der Botschaft selten derjenige, dessen Name, sichtbar aus über 150 Metern Entfernung, über die Glasfassade von KARE scrollte. Meistens war es ein dritter, der damit die Ernsthaftigkeit der Botschaft verstärken wollte. Denn es ist offensichtlich etwas ganz Besonderes, wenn eine personalisierte Botschaft nicht allein auf online Plattformen, sondern auf einem Gebäude gepostet wird.

Der Nutzer nutzt dabei das Bauwerk nicht nur als Kulisse. Er gestaltet die Außenhaut tatsächlich – mit seinen eigenen Worten. Heute ist für die Hersteller das Personalisieren von Produkten notwendig geworden. Der Nutzer steht im Mittelpunkt, auf seine Wünsche wird das Produkt zugeschnitten. Da der Nutzer und seine Wünsche sich aber stets weiter entwickeln, stehen Hersteller vor der Herausforderung, Produkte anzubieten, die sich in den Händen der Kunden, mitten im Alltag des Nutzers, weiter entwickeln können.

Die anatomischen Komponenten eines Smartphones sind elektronische Bauteile, Sensoren mit diversen Funktionen und nicht zuletzt ein gefälliges Design. Vor zehn Jahren reichte dies noch aus, um das Gerät mehrere Jahre zu nutzen. Heute ist das anders. Ohne die zahlreichen Anwendungen (Apps), wie Spiele, Navigationsdienste, Staumelder, Verspätungsalarme und Messenger Services ist das Gerät nur ein Telefon. Da es aber heute unzählige Notwendigkeiten gibt, Nachrichten ohne Stimmübertragung zu vermitteln, zu speichern und zeitversetzt abrufbar zu halten benötigt man mehr als ein Telefon. Man braucht einen Begleiter im Alltag.

Dieser Trend ist nicht allein der PC- oder Smartphone-Branche vorenthalten. Unsere Gebäudeheizung lernt unsere Tagesabläufe kennen und stellt sich darauf ein. Zwischendurch kündigt der Hersteller die neuste Anwendung an, die dem Nutzer Energie und damit Kosten sparen kann, ein. Der Nutzer entscheidet sich dafür oder dagegen, seine Heizung bleibt wie gehabt - oder erhält ein update. Mit einem Klick wird ein neues Produkt geboren. Oder wird das Leben des alten Produktes einfach nur noch verlängert?

Kaum ein Bestandteil unseres Alltags bleibt von diesem Bedürfnis nach ständiger Anpassung und Veränderung ausgeschlossen. In dem Kern des Bedürfnisses steht die Möglichkeit, die dem Nutzer gegeben wird, seine Umgebung selbst zu gestalten. Die Freiheit, sich auszudrücken.

Betrachtet man den öffentlichen Raum unserer Städte, stellt sich die Frage, wem die Begrenzungen unserer Strassen und Plätze eigentlich gehören. Möglicherweise lassen sich städtische Fassaden sogar als "optische Produkte" definieren, die wir alle nutzen. Die Menschen der Stadt, gleich ob Bewohner oder Touristen, ob Fußgänger, Autofahrer oder Radfahrer – sie alle wären dann: Nutzer. Und Nutzer von Produkten in unserer Zeit sind dafür bekannt, dass sie ihre Produkte personalisieren und selbst gestalten wollen. Von share economy zu information sharing ist es dann nur ein kleiner Schritt. Die Medienjalousie bietet hierfür eine integrative, ortsbildschonende Plattform.

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Die ausgehend von dem am KARE Kraftwerk durchgeführten Experiment denkbaren Möglichkeiten sind faszinierend und im Wortsinn grenzenlos aufregend. Was wäre, wenn der Heiratsantrag über WhatsApp auf dem Eiffelturm erscheint und sofort über die zahlreichen Touristen-Selfies weltweit verbreitet wird? Was, wenn das kritische politische Statement des Bürgers auf dem Berliner Reichstag zu lesen wäre? Welche Bedeutung hat der Ort des Erscheinens einer Nachricht? Es werden Mechanismen notwendig, die uns von anderen Plattformen geläufig sind. Spam- und Schimpfwortfilter (noswearing- oder badword-filter), Begrenzung von Zeitdauer, Länge und Inhalt. Und sofort taucht die Frage nach Zensur auf. Wer filtert nach welchen Maßstäben?

Wir haben uns an die freie Meinungsäußerung im Netz gewöhnt. Die im Web verbreitete Ansicht der Online-Community zu einem speziellen Thema, wenngleich tausendfach auf Foren geäußert, hat aber augenscheinlich immer weniger politische Kraft, da sie meist in unmittelbarer Folge von der nächsten Informationswelle ersetzt wird. 

Aber allein die Vorstellung, umlaufend auf der Fassade dem Pentagon eine 20 Meter hohe Media-Jalousie zu installieren, auf der der über WhatsApp gepostete Schriftzug "MISSION FAILED" in Endlosschleife zirkuliert, schafft einen völlig neuen, viel größeren Maßstab für die Verbreitung einer Botschaft. Und jede Botschaft, die mit derartiger standortwirksamer Präsenz verbreitet wird ist selbstverständlich auch eine politische Botschaft. Ein Grund hierfür wurde eingangs genannt: die Authentizität des Gebäudes selbst. Die Manifestation des Ortes und die Verkettung der Information mit dem "authentischen Ort". 

Wir erinnern uns daran, als die Wahrzeichen in den Hauptstädten der Welt angesichts der Solidarität mit den Opfern der Pariser Terroranschläge in den Farben der Trikolore getaucht waren. Die Bilder des Blau-Weiss-Rot beleuchteten Freedom Tower, des Fernsehturms in Toronto, des Brandenburger Tors, des Opernhauses in Sydney und vieler mehr gingen um die Welt. Es war ein großartiges, globales, politisches Statement.

Das große Haus, das Denkmal, das Wahrzeichen, hat, seit es Menschen gibt, die bauen, eine unheimliche Kraft zur stummen Verdeutlichung von Absichten und Meinungen. Im Kapitel "Der Buchstabe tötet den Stein" seines wunderbaren Romans "Notre Dame de Paris" stellt Victor Hugo dazu fest:  

"Bis auf Gutenberg also war die Architektur die Hauptschrift, die allgemeine Schrift. Dieses steinerne Buch beginnt im fernen Morgenlande, zieht sich durch die griechische Welt hin, und das Mittelalter hat sein letztes Blatt geschrieben. [...] Im fünfzehnten Jahrhundert ändert sich Alles. Der menschliche Geist entdeckt ein Mittel, sich nicht nur dauerhafter, als die Architektur, sondern auch einfacher und leichter zu verewigen. Die Architektur wird von ihrem Throne geworfen. Auf Orpheus steinerne Buchstaben folgen Gutenbergs bleierne. Der Buchstabe tödtet den Stein! [...] Alles Leben ist von der Architektur zur [Drucker-]Presse übergegangen"

Vielleicht hat die Architektur den Kampf um die Schrift und das Wort doch noch nicht verloren. Es sieht ganz so aus, als würden die Fassaden von heute gerade lernen, durch uns -und mit uns- zu sprechen.

 

mediabiose GmbH, München

"Eine Reise durch Deutschland", eine Medienkunstarbeit von Philipp Engelhardt  - Thema ALFIES (Architekturselfies)