Archivfund: DIE-IDEE@LE.STADT

Dieses Fundstück ist bald siebzehn Jahre alt. "Ich weiß nicht mal, ob der Text hier endet oder das noch so weiter geht...", so Markus Stenger.

Idee, Geschichte und Zukunft der (europäischen) Stadt ist noch immer zentrales Anliegen. Heute jedoch nicht nur schreibend, sondern als Akteur, als Stadtgestalter in München.

 

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DIE-IDEE@LE.STADT

IDEE: "VORSTELLUNG; LEITGEDANKE; PLAN; EINFALL": EIN URSPRÜNGLICH REIN PHILOSOPHISCHER TERMINUS, DER IN DER LEHRE DES ALTGRIECHISCHEN PHILOSOPHEN PLATON VERWURZELT IST UND VON DORT HER IN DIE GEISTIGE WELT EUROPAS UND IN DIE EUROPÄISCHEN SPRACHEN EINGEDRUNGEN IST.

GRIECH: IDÉA (LAT. IDEA), DAS VON DEM MIT LAT: VIDERE "SEHEN" UND NHD. WISSEN VERWANDTEN VERBEN GRIECH. IDEIN (<*UIDEIN) "SEHEN, ERKENNEN; WISSEN" ABGELEITET IST, BEDEUTET ZUNÄCHST "ERSCHEINUNG, GESTALT, BESCHAFFENHEIT, FORM", DANN (BEI PLATON) VOR ALLEM "URBILD (ALS EWIG UNVERÄNDERLICHE WESENHEIT DER DINGE, JENSEITS IHRES TRÜGERISCHEN ERSCHEINUNGSBILDES." (...)

DIE MODERNEN BEDEUTUNGEN "VORSTELLUNG, LEITGEDANKE, EINFALL USW." ENTWICKELTEN SICH - ZUM TEIL UNTER EINFLUSS VON FRANZ. IDÉE - IM 17. UND 18 JHD. AUSGANGSPUNKT IST DER AUS GRIECH.-LAT: IDÉA ABLEITBARE BEGRIFF DES NUR "GEISTIG VORGESTELLTEN, GEDANKLICHEN."

ZU GRIECH. IDEIN GEHÖREN NOCH VERSCHIEDENE NOMINALBILDUNGEN, DIE IN UNSEREM  WORTSCHATZ ALS FREMDWÖRTER EINE ROLLE SPIELEN: GRIECH. EIDOS "AUSSEHEN, GESTALT BESCHAFFENHEIT, GATTUNG, ZUSTAND" (WOZU ALS HINTERGLIED IN ZUSAMMENSETZUNGEN ...EIDES GEHÖRT, ENTSPRECHEND IN FREMDWÖRTERN ...ID, ...OID IM SINNE VON "DIE GESTALT VON ETWAS HABEND; ÄHNLICH; DAVON ABGELEITET IST DIE VERKLEINERUNGSFORM GRIECH: EDYLLION "BILDCHEN; GEDICHTEN" (IDYLL; IDYLLE; IDYLLISCH); GRIECH: EIDOLON "BILD GESTALT; TRUG- UND GÖTZENBILD" ERSCHEINT IN IDOL UND GRIECH.: HISTOR "WISSER (<*UID-TOR) IN HISTORIE, HISTORISCH, HISTORIKER, HISTÖRCHEN, STORY".2

Fasziniert uns Winy Maas' DATATOWN3 wirklich? Oder verspüren wir tatsächlich dieses leichte Frösteln beim Anblick einer "Negativutopie", wie sie uns Holger Liebs in der SZ vom 7.7.2000 einreden will? Die Antwort für beides: wohl kaum.

Zu sauber, ja: schön, ist DATATOWN, computer aided design und hygienisch gebitmapped. Ein Ort, wie die täuschend ähnlichen Sexpuppen des belgischen Internetanbieters REALDOLL.

Erschrecken kann allenfalls, daß der Ansatz von DATATOWN von der Öffentlichkeit als Stadtutopie völlig mißverstanden wird. Niemand wird ernsthaft behaupten, daß die Städte der Zukunft aussehen werden oder zumindest sollten wie DATATOWN. Dies gilt nicht für den Fall, daß jemand an einem unerforschten Zipfel unserer Welt den großen RESTART Button findet und das CACHE des Multigroßrechners Erde löscht, damit endlich Platz frei wird, um neue Idealstädte anzulegen. Dann nicht als futuristen-citta oder ville radieuse, sondern als cube-city aus vielen citycubes.

Das Prinzip "Layer" von METACITY, DATATOWN ist nach drei Seiten des gleichnamigen Buches von MVRDV entstanden. Aufregend wird es bis zum Ende nicht mehr. Suchen wir uns den Anspruch aus dieser Stadtutopie selbst (und beschäftigen wir uns mit ihr, weil sie die jüngste ist, weil sie so schön farbig ist und sauber ist) und stellen einen Vergleich auf. Wer von den Stadtvätern kann unserer Generation die offensichtlichen Ähnlichkeiten zwischen DATAWOWN und der Nekropole des Holocaust Denkmal erläutern? Ist es Absicht? Oder liegt beiden etwa nur der vergleichbare Ansatz zugrunde, unbeschreiblichen Zahlenapparat (hier die unheimlichen Zahlenkolonnen barbarischer KL-"Lageristen", dort die Gefühlskälte eines gegenwärtigen SAT1-Ran-Statistik-Fiebers allüberall praktizierter Zahlenfetischismus) in Geometrie zu fassen. Zusammengehalten von einem System.

 

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Bild Pic.1 Die Münchner Innenstadt, aufgenommen mit der damals modernsten Spionagekamera der Welt. Militärische Aufnahme, WK II Luftbilddatenbank Würzburg

2 Duden "Etymologie", Mannheim 1989, S. 299

3 MVRDV: Metacity - Datawon, 010 Publishers Rotterdam, 1990

Bild Pic. 25 MVRDV: Datatown, 1999, S. 82

Bild Pic 36 Ein symbolisches Gräberfeld. Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung vom 26.06.1999, F2, Beitrag zum ersten Entwuf Peter Eisenmanns für das Holocaust-Manhmnal in Berlin

Holger Liebs: Der Globus zählt nicht merh,in: Süddetsche Zetiungvom 07.07.2000

 

Holger Liebs über MVRDV: High Rise, in: Frieze, 2000 https://frieze.com/article/high-life