Was ist aus der Siedlung Halen geworden?

Flohmarktfund! Die Siedlung Halen, entworfen vom Schweizer Architektenkolletiv ATELIER 5 wurde im Architekturstudium stets als eine d e r  Architekturikonen für gemeinschaftlichen, flächensparenden Wohnungsbau auf der Basis von Modulen und Rastern, jenseits von der Idee des Architekten als genialen Formkünstler besprochen. Ein vorbildlicher Gegenentwurf zum Einfamilienhaus in zersiedelten Regionen und hat damit an Aktualität nichts verloren, ganz im Gegenteil.

Angesichts wachsender Bevölkerungszahlen in Städten und Ballungsräumen und dem Wunsch nach ökonomischen Umgang mit begrenzten Ressourcen wie Flächen und Baumaterial lohnt sich ein Blick in die Schweiz.

Was ist aus der Siedlung Halen geworden, die vor 57 Jahren in der Nähe von Bern errichtet wurde? Leben die Menschen dort noch immer gern? Was wurde geändert? Wie ist der bauliche Zustand heute?

Die Siedlung wurde 1961 mit 79 Wohneinheiten und aus nur zwei Typen Reihenhäusern, fünf Ateliers sowie Gemeinschaftsräumen wie Dorfplatz, Waschküche, Trockenräume, Schwimmbad und Sportplatz auf eine Waldlichtung mit Hanglange bei Bern gebaut. Junge Architekten, beeinflusst von Le Corbusier, verwirklichten hier ihre Ideen zum Leben in städtischer Dichte mit so viel privaten Innen- und Außenräumen wie möglich. Durch die Schottenbauweise waren im Inneren der Häuser größtmögliche Freiheiten für Ausgestaltung und Einrichtungen der Bewohner gegeben.

Wir planen gegen die Vereinzelung, gegen das isolierte Denken und gegen maximalen Gewinn für das Individuum. (Atelier 5)

Die Architekten von Atelier 5 kauften, unterstützt vom Mäzen Ernst Göhner, das Bauland und übernahmen schließlich sogar die Vermarktung der Häuser. Sie selbst waren unter den ersten Bewohnern. Künstler, Intellektuelle und junge Familien folgten ihnen.

Jeder Wohnungs- oder Hauseigentümer erwarb mit seinem privaten Wohnraum auch einen Teil der öffentlichen Gemeinschaftsräume. Eine Eigentümergesellschaft informiert, berät und entscheidet regelmäßig über gemeinschaftliche Belange.

Diese Konstruktion allerdings macht heute einige Schwierigkeiten. Durch den erheblichen Sanierungsbedarf von Gebäudehülle, Heizungsanlage, Fenstern, Dächern und Abwasserleitungen ist eine akuter Handlungsbedarf entstanden, der so allerdings nicht von jedem Eigentümer ideel und/oder  finanziell mitgetragen wird.

Die Aufnahme als offizielles Denkmal 2012 verschärfte die Situation zusätzlich, da die Behörde wiederum auf eine eher strikte Erhaltung der ursprünglichen Erscheinung beharrte. Von Atelier 5 wurde in diesem Zusammenhang 2012 ein interessanter 114-seitiger Katalog erstellt: "Richtlinien für den Umgang mit Materialien und Formen im Inneren und am Äusseren der Siedlung bei Sanierungen und Umbauten".

Die Siedlung ist trotz der Sanierungsprobleme immer noch sehr beliebt bei den Bewohnern. Hier eine freie Wohnung zu finden ist fast unmöglich. Die "Kinder von Halen" (2005) sind sogar schon Forschungsobjekte der Ethnologin Nancy Wiesmann-Baquero geworden. "Lebenserfahrungen mit Architektur und Städtebau" lautet der schöne Untertitel der Untersuchung. 

 

Atelier5. 26 ausgewählte Bauten Photographiert von Balthasar Burkhard, Zürich: Amman Verlag 1986