Re-Animation am offenen Haus

Es kracht, rumst und staubt in dem alten Häuschen. Im Landshuter Nikolaviertel, zwischen Kloster Seligenthal und Isar, in der Pfettrachgasse 7 steht es; und dass es dort überhaupt noch steht, grenzt an ein Wunder. Seit Jahrzehnten stand es scheinbar nur noch im Weg, von allen Seiten bedrängt durch Nachbargebäude, Elektroschaltkästen, Straßen, Autos, Lkw und Gehwege.

Der Besitzerwechsel 2018 bedeutete die Rettung für das Haus und sorgte für so manche Überraschung. Die neuen Eigentümer, die Architekten Markus und Annette Stenger, befreien es derzeit vom Ballast der letzten Jahre und Jahrzehnte. Schicht für Schicht legen sie in Handarbeit den Kern des Holzhauses frei.

„Wer behauptet, Wände können nicht atmen, irrt gewaltig. Seufzer der Erleichterung waren mit der Wegnahme jeder einzelnen Schicht zu hören! Das Haus lebt wieder. Bei Wärme dehnt es sich bei Kälte zieht es sich zusammen. Man hört diese Bewegungen und das Knacken und Knacksen. Das ist wie ein Erwachen aus einem tiefen Schlaf, in den das Haus in den 1960er Jahren geschickt wurde. Verkleidet bis zur Unkenntlichkeit, übersehen und vergessen.“

 

Das wahre Alter

Zunächst wurde das denkmalgeschützte Häuschen ins 18. Jahrhundert datiert. Die dendrochronologische Untersuchung ergab dann jedoch die Sensation: Bereits 1486 (!) wurde es errichtet und entpuppt sich somit als eines der ältesten Häuser Landshuts. Es ist ein Holz-Blockhaus, das von versierten Zimmermännern ohne Eisenverbindungen errichtet wurde. Die Bohlen stammen aus dem Voralpenland und kamen als Flöße nach Landshut. Sie waren zum Zeitpunkt des Hausbaus schon 300 Jahre alt.

 

Bewegte Hausgeschichte

Die Besitzer wechselten häufiger: Über die Jahrhunderte hinweg bewohnten Tagelöhner, Schwaiger und Handwerker das Häuschen. Ursprünglich war es Wohnteil einer kleinen Landwirtschaft. 1844 trennte man jedoch den nördlichen Wirtschaftsteil ab und ersetzte ihn durch einen deutlich höheren Neubau. Das Bächlein, das einst am Grundstück entlangfloss, ist schon längst verrohrt worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus in mehreren Eingriffen regelrecht zerpflügt. Unterkonstruktionen, Gipskartonplatten und Tapeten wurden rücksichtslos eingebaut, der Kalkputz durch Zementputz ersetzt, Deckenbalken beschnitten und entfernt. Exakt waagerechte Fensteröffnungen trieb man entgegen aller statischen und handwerklichen Sorgfalt in das uralte, inzwischen schiefe Holz. Die Böden wurden mit allem belegt, was der Baumarkt hergab: Fliesen, Vinyl, Folie, PVC, Spanplatten, Zementestrich und Bitumenpapier.

Über 30 Kubikmeter Bauschutt und Mischmüll schaffte Markus Stenger bisher aus dem kleinen Anwesen. Dabei trat die mit Lehm und Moos ausgestopfte ursprüngliche Holz-Konstruktion zutage, genauso wie alte Zementsteinfliesen, Ziegelböden und Kalkfarben.

In den Ritzen, Ecken und Zwischendecken tauchten dabei aber auch zahlreiche Fundstücke aus der wechselhaften Hausgeschichte auf: Bierflaschen, Fußballschuhe, Rattenschädel, Werkzeuge, Postkarten, Fläschchen, Schuhe, Schönschreibhefte und Heiligenbildchen.

 

Die Reise in die Vergangenheit geht weiter!