Architektur studieren und dann?

Stenger2 Mitarbeiter Stefan Meyer reist für sein Leben gern und kann mit anpacken. Nach dem Architekturstudium schloss er sich dem supertecture Team im nepalesischen Bergdorf Dhoksan an und half mit, ein gemeinnütziges Hotelprojekt zu verwirklichen. Wie man aus Plastikflaschen und Fensterrahmen ganze Häuser bauen kann, erzählt der 27-jährige im Interview.

Interview: Julia Brandes, Fotos: Stefan Meyer

 

Stefan, warum hast du dir nach dem Studium nicht einfach einen Job in einem Architekturbüro gesucht?

Ich wollte unbedingt praktisch arbeiten und endlich auf die Baustelle kommen nach dem Studium und richtig Verantwortung übernehmen. Zuvor hatte ich eine Bauzeichnerlehre gemacht. Ich habe also viele, viele Stunden am Rechner verbracht und geplant und gezeichnet. Danach wollte ich etwas ausprobieren und sehen, wie die Dinge funktionieren, die ich mir so ausdenke.

Außerdem reise ich gerne, ich bin neugierig auf andere Kulturen. Im Studium hatte ich auch schon ein Auslandssemester in Chile gemacht und in einem schwedischen Architekturbüro gearbeitet. Nepal hat mich total gereizt. Es war also auch eine gesunde Portion Eigennutz dabei, als ich mich für diesen Einsatz gemeldet habe.

 

Also konntest du endlich loslegen. Was genau habt ihr gebaut und wie?

Das Team von supertecture vor Ort bestand aus vier Freiwilligen, Architekturstudierende aus Bayern, plus vier Bauarbeiter aus dem Dorf Dhoksan. Wir haben begonnen, ein Mini-Hotel (Community Lodge) zu bauen, das die Dorfbewohner in Zukunft selber betreiben können. Der Tourismus ist in der Himalaya Gegend sehr verbreitet. Von den Hotels - meistens ziemlich hässliche Bettenburgen - profitieren meist nur Reiche aus der Hauptstadt Kathmandu oder sogar Investoren aus den USA.

Das Nepal Community Lodge-Projekt besteht aus sechs Kuben, die miteinander im Kreis verbunden sind. Jedes wird aus einem anderen Material gefertigt und in einer eigenen Bauweise errichtet. Es gibt das Lehmhaus, das Ziegelhaus, das Holzhaus und auch experimentellere wie das Haus aus Plastikflaschen oder aus Flaschenböden. Eigentlich ist das eine kleine Bauausstellung an alternativen und nachhaltigen Bauweisen geworden!

Ganz abgesehen von der konkreten Nutzung als Hotel tritt bereits der sogenannte Bilbao-Effekt ein. Das Dorf erfährt durch die Arbeit von supertecture große Aufmerksamkeit und Aufwertung.

 

Hattest du bereits handwerkliche Erfahrungen?

Durch ein Praktikum bei einem Zimmerer hatte ich erste Erfahrungen, aber da ging es oft nur darum, kleine Aufträge auszuführen nach Motto „Säg mal das Brett da ab“ oder „Schraube das und das fest“. Das Team auf unserer Baustelle in Dhkosan bestand teilweise aus erfahrenen Bauhandwerkern, aber auch aus Neulingen. Wir haben viel voneinander gelernt.

Was mich sehr beeindruckt hat, war die Do-it-yourself-Mentalität der Nepalesen. Notgedrungen muss sich jeder mit dem Bauen und dem Reparieren auskennen. Es gibt keinen jungen Mann von 18 Jahren, der nicht schon betoniert hätte! Und wenn du mit deinem Auto eine Panne hast, hält sofort jemand an und kann das reparieren. Keiner hat eine professionelle Ausbildung mit Abschlusszeugnis. Auch Werkzeuge und industrielle Produkte gibt es kaum. Diese Not macht erfinderisch.

 

Die Hilfe fand also gegenseitig statt. Wie lief die Zusammenarbeit auf der Baustelle mit den Menschen im Dorf?

Es war schon eine spürbare Distanz da zu Anfang, auch weil viele Dorfbewohner kein Englisch sprechen und wir kein Nepali. Die Sprache ist sehr kompliziert für uns. Durch die Zusammenarbeit am Projekt sind wir uns aber schnell nähergekommen.

 

Und wie waren die Bedingungen vor Ort wirklich?

Ich war während der Sommermonate dort, anfangs klimatisch recht angenehm. Ab Juli machte uns allerdings der Monsunregen sehr zu schaffen. Teilweise war es unmöglich, weiter zu arbeiten und wir mussten „Zwangsurlaub“ nehmen. Im Winter ist die Unterkunft nur schwer warm zu halten, denn isoliert sind die Häuser dort alle nicht. Die meisten Dächer sind aus Wellblech, dementsprechend kalt kann es werden. Heiße Duschen sind auch kaum möglich. 

Wer großen Wert auf Privatsphäre legt, wird bei diesen Projekten vielleicht auch nicht glücklich. Wir teilen uns ein Matratzenlager und viel Ablenkung gibt es in den Bergdörfern Nepals nicht. Wenn man aber den ganzen Tag über auf der Baustelle arbeitet, sinkt man abends einfach geschafft ins Bett.

Kulinarisch war es prima, für mich jedenfalls. Wir hatten sogar einen eigenen Koch, der sich um uns gekümmert hat. Lebensgrundlage ist in Nepal Reis und Dhal, eine Art Linsensuppe, die mit Gemüse und ab und zu Fleisch ergänzt wird. Gewürzt wird kräftig mit Chili, Kurkuma und Ingwer.

 

Wie kam der Kontakt zu supertecture eigentlich zustande?

Der Kontakt kam über Kommilitonen zustande, die Teil des vorherigen Teams waren. Und weil der Gründer von supertecture, Till Gröner, ebenfalls aus Kaufbeuren im Allgäu kommt wie ich, war sofort eine Verbindung da. Mir gefiel auch das Konzept mit niedrigen Hierarchien und der selbstbestimmten Arbeit. 

 

Was ziehst du selbst für ein Resümee aus deiner Zeit in Nepal. Was nimmst du mit?

Zum einen gehe ich jetzt ganz anders an Entwürfe heran. Ich versuche, den Entwurf zu Ende zu denken. Was bedeutet dieses Detail, was ich zeichne. Ist das überhaupt machbar? Vor allem denke ich aber mehr über die Angemessenheit nach. Wieviel Aufwand ist überhaupt nötig, um ein gutes Ergebnis zu erreichen? Im Zweifelsfall würde ich heute einfacher gestalten. Alternative Baumethoden und Materialien sind natürlich auch ein großes Thema für mich. Mit Lehm beispielsweise habe ich in Nepal viel gearbeitet. Ein tolles Material. Ich würde mit Lehm gerne auch in Deutschland bauen.

Für das Thema Müll bin ich extrem sensibilisiert worden. Ich habe dort gesehen, wie Plastikmüll einfach in der Natur, in den Flüssen landet, weil es in diesen Bergdörfern keinerlei Müllabfuhr, geschweige denn ein Recyclingsystem gibt. Das war bis vor ein paar Jahren auch gar nicht nötig. Heute entsteht aber dort viel Plastikmüll. Als Team supertecture haben wir eine Technik entwickelt, um aus alten Plastikflaschen eine Art Fassadenplatte herzustellen. 1 kg eingeschmolzener Kunststoff ergibt eine Platte. Ganz ohne High-Tech, so dass die Nepalesen diese Technik weiternutzen können. Das Problem mit dem Plastikmüll wird in der nächsten Zeit sicher nicht kleiner, fürchte ich.

Bei dem großen Erdbeben 2015 sind viele Häuser zerstört worden. Reste davon, wie beispielsweise Fensterrahmen, hat supertecture bei einem anderen Projekt in Nepal, einer Schule, repariert und wieder verglast und zu einem „window house“ zusammengefügt. Ich wünsche mir, dass diese Art von experimentellen und nachhaltigen Bauprojekten inZukunft eine größere Rolle spielen werden, auch hier in Deutschland, in München.

Herzlichen Dank für das Interview, Stefan.

 

supertecture Projekte unterstützen: Nepal Community Lodge Infos (pdf)

 

EINLADUNG ZUR SUPERPARTY am Freitag, 13. Dezember 2020  

Container Collective, Atelierstrasse 4 im Werksviertel, 81671 München

Meet and greet all young architects behind supertecture...